Deutschland, einig Warteland

Rainer Mohr

'Als wäre der eisig-starre Winter ein Symbol, herrscht Stillstand in Deutschland. 90 Tage vor der WM regt sich kein Frühlingsgefühl, kein Aufschwungs-Elan. Stattdessen wird stur gewartet: auf den Jürgen, auf das Streik-Ende und auf die Rettung durch den "neuen Bürger".'

Im Schnee erstarrt: Deutschland 2006
Im Schnee erstarrt:
Deutschland im März 2006
Es ist schon eine merkwürdige Dialektik. "Sommer vorm Balkon" war der deutsche Film dieses Winters. Die Geschichte zweier junger Frauen im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg, die sich, zuweilen leicht bekleidet, recht und schlecht durch ihren Alltag schlagen, traf eine verbreitete Stimmung - irgendwo zwischen süßer Melancholie und Trotz, Hartz IV und Dolce Vita. Anders als einige Filmkritiker meinten, war das kurzweilige Werk keineswegs eine Komödie. Eher eine Tragikomödie. Doch sie machte Mut zum Überwintern. Aber dann ist irgendetwas schiefgelaufen. Der Winter hört einfach nicht mehr auf. Leider kein Film, sondern Realität.

Das böse Urteil Napoleons über Deutschland scheint sich zu bewahrheiten: "Acht Monate Schnee, zwei Monate Regen, und das nennt die Bande Vaterland!" Schon Heinrich Heine konnte diesem Verdikt Jahre später nichts Versöhnliches entgegensetzen. Im Gegenteil. In seinem berühmten Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" fasste er seine eigenen Reiseerfahrungen, vor allem in Ostwestfalen, ungnädig knatternd zusammen: "Ein feuchter Wind, ein kahles Land/ Die Chaise wackelt im Schlamme." Gut anderthalb Jahrhunderte später - heute, Donnerstag, 16. März 2006, ist irgendeine Art von Sommer vorm, im, auf oder unter dem Balkon zur reinen Fata Morgana geworden, zur Utopie, zur unerreichbaren Vision. Schon der Frühling scheint eine ferne Legende aus alter Vorväterzeit, damals, als im Märzen der Bauer noch die Rösslein anspannte und das blaue Band der milden Menschenliebe über die frisch ergrünte Landschaft wehte. Die ersten Schlaumeier prophezeien bereits eine neue Eiszeit. Die Klimakatastrophe kommt. Doch vielleicht etwas anders als gedacht. So ist Deutschland seit Wochen zum Warten verdammt. 30 Tage vor Ostern. 90 Tage vor der WM. Was soll man machen? Stillstand in der Tiefkühltruhe.

So warten wir auf den Frühling. Wir warten auf den Aufschwung, der neue Arbeitsplätze bringt, und wir warten auf weitere tote Steinmarder, Schwäne, Katzen und Wildenten. Apropos: Die gesunden Vögel versuchen nach Leibeskräften, den Frühling herbeizuzwitschern. Bisher vergebens. Wir warten also auf den Fortgang der Vogelgrippe und auf den Ausgang des neuesten Fußballwettskandals. Nicht zuletzt warten wir auf "den Jürgen", der am Sonntag, drei Tage früher als geplant, aus Los Angeles nach Deutschland zurückgekommen ist und schon wieder glaubensstark verkündet hat: "Wir wachsen!" Ja nee, is' klar: Weiches Wasser bricht den Stein. Wir müssen nur geduldig warten. Alles läuft perfekt. Wir sind voll im Zeitplan. Leider kennt nur keiner den Geheimplan des Bundestrainers. Gemeinsam mit dem Jürgen, der wo immer optimistisch bleibt, warten wir auf den Beginn der Fußballweltmeisterschaft, die wahrscheinlich im Schneetreiben angepfiffen werden wird, und darauf, dass die unzähligen Berliner Baustellen noch rechtzeitig vor dem 9. Juni fertig werden. Schließlich warten wir auf das Ende des Ver.di-Streiks im Öffentlichen Dienst, der in die sechste Woche geht. Immerhin hat er den Absatz von Trillerpfeifen sprunghaft in die Höhe getrieben und den sozialkritischen 38,5-Stunden-Bsirske-Schnauzer weltweit als Marke "made in good old Germany" etabliert. Kurz: Wir warten, wie so oft, auf bessere Zeiten.

Im Grunde aber, und das ist schon wieder sehr merkwürdig, wenn nicht dialektisch, sind sie ja schon da, die besseren Zeiten. Allen voran der viel beschworene Aufschwung. Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum werden nach oben korrigiert, fast alle Stimmungsbarometer von Unternehmern und Verbrauchern zeigen die Rekordwerte aus dem Boomjahr 2000, die Börse brummt, und plötzlich wird auch auf den politischen Seiten der großen Tageszeitungen wahrgenommen, was im Wirtschaftsteil schon lange schwarz auf weiß zu haben war: Die internationale Bewertung des "Standorts Deutschland" ist bei weitem besser als im eigenen Land. Selbstverständlich wird immer noch gern nach alter Väter Sitte gemutmaßt und befürchtet, was in Zukunft alles passieren könnte. Für viele mag da schon ein Menetekel sein, dass die Arbeitslosigkeit im außergewöhnlich hartnäckigen Winter 2006 wieder auf knapp über fünf Millionen angestiegen ist. Bereits 2007, prognostizieren professionelle Auguren mit hochgezogenen Augenbrauen, werde es wieder schlechter werden, Stichwort: Erhöhung der Mehrwertsteuer, und wer weiß schon, was 2008 bringt, von 2009 ganz zu schweigen. Und die Renten, der Kindermangel, die Gesundheitskosten, die Rechtschreibreform im Praxistest. Man möchte es sich gar nicht ausmalen.

Zu allem Überdruss wird nun im deutschen Feuilleton seit Wochen auch noch auf den "neuen Bürger" gewartet und über eine "neue Bürgerlichkeit" diskutiert, über alte Tugenden in neuen Zeiten. Solange es draußen stürmt und schneit, haben wir ja ausreichend Gelegenheit dazu. Man achte wieder mehr auf Formen und Konventionen, heißt es allenthalben, schätze das Schöne und übe auch materiell Bürgersinn, ob mäzenatisch oder durch Sponsoring. Eine gewisse Besinnung auf Tradition und Werte also. Die neue Bürgerlichkeit könne zugleich "eine Antwort auf das Ende der wohlfahrtsstaatlichen Illusion" sein, meint der Historiker Manfred Hettling. Denn Bürgerlichkeit gründe "auf Prinzipien wie Individualität, Mündigkeit und Selbstorganisation". Also auch auf persönlicher Verantwortung und der aktiven Benutzung des eigenen Verstandes, auf Zivilcourage. Nicht zuletzt: Stolz auf Erreichtes. Identität. Genau hier aber finden wir in Deutschland immer wieder die schwarzen Löcher der Gesellschaft. Gerade in den Zeiten der Auflösung tradierter sozialer Zusammenhänge, ob in den Familien oder den Betrieben, müssen sich neue Formen von Sinn, Orientierung und Zusammenhalt bilden. Da aber offensichtlich weder Adel noch Proletariat, die großen aussterbenden Klassen, als Vorbilder in Frage kommen - und, mit Verlaub, auch nicht die Caffè-Latte-Boheme vom Prenzlauer Berg - bleibt nur das Bürgertum. "Wir Kleinbürger" hieß ein Essay von Hans Magnus Enzensberger, der uns alle unter die Fittiche dieser oft abschätzig zitierten Aldi-"Mittelklasse" nahm. Doch so einfach geht es leider nicht. "Wie sollen wir leben? Wofür sollen wir uns engagieren?" Der typische Kleinbürger stelle diese entscheidenden Fragen eben gerade nicht, widerspricht Historiker Hettling. Da müsse schon der neue Bürger her - der wache, kritische, aktive und selbstverantwortliche Citoyen natürlich, nicht der Spießer, schon gar nicht der fette Bourgeois. Gott sei Dank ist der ebenfalls so gut wie ausgestorben. Bliebe noch ein kleines praktisches Problem: Auch der neue Bürger in seiner ganzen kritisch-kreativen Selbstverantwortlichkeit friert heute Morgen ganz erbärmlich und hat, pardon, die Schnauze voll vom deutschen Winter. Warten wir also auf den Frühling. Dann wird weiterdiskutiert.


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