Eine verrückte Geiselnahme

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'So einen Banküberfall gab es noch nie: Die Geiseln bangten um ihr Leben, aus den Fenstern der Nachbarn schallte "Ba-Ba-Banküberfall". Noch skurriler: Am Telefon beschwerte sich der Geiselnehmer bei einem Journalisten über zugesperrte Toiletten und fehlende Zigaretten.'

Der interviewende Reporter von Österreich
Der Reporter, der den   
Geiselnehmer interviewte:   
Herr Hagyo von "Österreich"   
Es ist der 27. Februar, genau eine Woche nach Faschingsdienstag.

Der Villacher Fasching – er spielte an diesem Dienstag vor der Bawag-Filiale in der Wiener Mariahilferstraße 22. Gegen 11 Uhr betritt ein vierschrötiger Mann die Bank-Filiale, bedroht Angestellte und Kunden. Die Polizei sagt später, er hätte die Geiselnahme geplant gehabt. Die Komödie nimmt ihren Lauf. Nach wenigen Minuten ist die Polizei da, sperrt alles ab. Der Geisel-Gangster lässt sich Pizza und Coca Cola vor die Tür stellen bzw. durch den Nachttresor schieben, die ersten Geiseln kommen frei.

Auf der Straße inzwischen: Volksfest-Stimmung. Hunderte stehen und schauen, viele nutzen die Mittagspause, um Geiselnahme schauen zu gehen. Plötzlich erschallt die Mariahilferstraße unter den Klängen von „Ba Ba Banküberfall“. In einer Wohnung gegenüber der Bawag-Filiale hat jemand seine Stereoanlage ins Fenster gestellt und den Hit der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“ auf volle Lautstärke gedreht. Die Polizei findet das nicht witzig und beendet die Show.

Forderung nach Essen und Trinken

Die Polizei will das Vertrauen des Täters gewinnen. Als der Täter Zigaretten verlangt, werden drei Packungen Marlboro Light in die Bank gebracht. Die Zigaretten werden über den Nachttresor der Bank übergeben. Dann wird der Täter hungrig. Die Polizei glaubt inzwischen seine Identität zu kennen. Der Täter - ein 1967 geborener Österreicher - soll den Verhandlern gesagt haben, er müsse sowieso ins Gefängnis und hätte nichts mehr zu verlieren. Daraufhin suchte die Polizei in ihren Karteien nach einem geflohenen Häftling. Eine Pizza wird zur Bank gebracht, ebenfalls über den Nachttresor übergeben. Kurz darauf wird auch noch eine Palette Cola Light zur Bank gebracht. Weitere Forderung stellt der Geiselnehmer nicht.

Russische Delegation wittert Action

In der Zwischenzeit hat sich die Geiselnahme herum gesprochen. Auf der Westautobahn macht ein unauffälliges Auto kehrt und nimmt Kurs zurück auf Wien. Im Wagen: eine Spezialeinheit des russischen Innenministeriums, die sich zu einem Besuch in Österreich aufhält. Die Delegation sollte eigentlich in Oberösterreich einer Übung beiwohnen. Als sie erfahren, dass es in Wien Action live gibt, ziehen sie die Bundeshauptstadt vor.

Die Russen sind nicht die einzigen, die unterwegs zur Bank sind. Auch BAWAG-Generaldirektor Ewald Nowotny und ÖGB-Chef Rudolf Hundsdorfer schauen sich die Vorgänge in „ihrem“ Institut live vor Ort an.

Hunderte filmen und fotografieren

Die Fenster in der Umgebung der Bank sind inzwischen gut besucht. Fotografen und Kameramänner filmen, was es nicht zu sehen gibt. In den Redaktionen der Tageszeitungen melden sich im Minutentakt Augenzeugen, die Film- und Fotoaufnahmen zum Kauf anbieten.

Skurrile Postings

In den Postings von oe24.at steht Spaß am Tagesplan. „Der Täter sagt, er hätte nichts zu verlieren, weil er ohnehin ins Gefängnis müsse, ist nicht übertrieben aggressiv und offensichtlich ein unerfahrener Verbrecher, weil ihm die Flucht nicht geglückt ist. ich tippe auf Fritz Verzetnitsch“, schreibt ein User!

Der bepinkelte Geiselnehmer
Der Geiselnehmer, der sich selbst   
anpinkelte (seine Hose ist noch naß):   
hier bei seiner Aufgabe   
(daneben Frau Schweinberger)   
Eiserne Nerven

Die 43jährige Wienerin Andrea Schweinberger ist seit 25 Jahren Angestellte der Bawag und hat sich in der Zweigstelle Mariahilfer Straße 22 zur stellvertretenden Filialleiterin hochgearbeitet. Trotz Todesgefahr bewahrte Schweinberger Ruhe und handelte instinktiv richtig: Sie fand einen Draht zum Geiselgangster, indem sie ihm von ihrem 19-jährigen Sohn erzählte (er hat eine 19-jährige Tochter). Und sie gewann sein Vertrauen, indem sie auf den Ernst ihrer Lage nicht hysterisch reagierte, sondern mit ihm wie mit einem Bekannten sprach. Kurz nach dem Überfall wurde die Bankerin von ihrem Mann angerufen und sagte: „Ich kann jetzt nicht. Wir haben einen Überfall mit Geiselnahme.“ Der Gemahl erstarrte erst vor Schreck und raste dann zum Tatort. Minuten später klingelte sein Handy und Ehefrau Andrea sagte: „Ich soll dir vom Hermann (dem Täter) ausrichten, dass es mir gut geht. Warte, ich geb ihn dir selbst.“ Der Gangster darauf: „Machen Sie sich keine Sorgen, ich tu ihr nichts.“ Gedankenpause, dann: „Übrigens, Sie haben eine tolle Frau!“

Gangster pinkelt sich an

Der Geisel-Ganster steht inzwischen vor dem größten Dilemma seines Leben – er hat kein Klo. Besser gesagt, die Toilette der Bank ist verschlossen. Die Cola zeigt seine Wirkung, der Täter kommt buchstäblich unter Druck. In dieser Sekunde läutet das Telefon. Ein ÖSTERREICH-Reporter hat die Festnetz-Nummer der Bawag gewählt (warum die Polizei die Nummer für Außenstehende nicht sperrte, bleibt ein Rätsel). Der Reporter hat Glück. Er kann erst mit einer Geisel sprechen („Sie möchten mit dem Geiselnehmer sprechen“? – ich verbinde), dann hat er den Täter direkt am Apparat. "Wüllst a Geisel sprechen?" Es entspinnt sich ein Slapstick-Dialog in "Roland Düringer"-Manier. Der Mann beklagt sich, dass er nicht auf die Toilette kann, der Anrufer keinen österreichischen Familiennamen hat, bietet plötzlich an: „Wüllst a Geisel sprechen?“ Dann legt er auf. Jetzt schlägt das Schicksal unerbittlich zu. Der Geiselnehmer kann die Blase nicht mehr halten und pinkelt sich an. Offenkundig geschockt, gibt er auf.

Als er draußen vor der Tür mit erhobenen Armen an einer Hausmauer lehnt, werfen sich gefühlte 20 Polizisten auf ihn. Die letzte Geisel, die an seiner Seite steht, wird weggeschubst, als störe sie in dieser Inszenierung.

Die Geiselnahme ist zu Ende. „Klar“, sagt einer der Umstehenden. „Es ist ja jetzt 16 Uhr. Da macht die Bank ja zu“. Das ist Wien am 27. Februar 2007. Es ist immer noch eine Woche nach Faschingdienstag.


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