Leichensäcke aus dem Supermarkt

Von Bastian Sick

Für Verkaufsstrategen ist der Griff in die Englisch-Schublade längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Um hiesige Produkte "hipper" und "cooler" zu machen, wird alles bedenkenlos mit englischen Vokabeln beklebt. Der Griff zum Wörterbuch hingegen wird oft vergessen. Da bleiben peinliche Irrtümer nicht aus.


Eine wahrhaft gruselige Geschichte, die Leser Thomas W. aus Oldenburg da erlebt hat. Gedankenverloren speiste er in der Mensa, als er plötzlich auf eine Gruppe von amerikanischen Austauschstudenten aufmerksam wurde, die sich am Nebentisch erregt über einen Werbeprospekt einer Supermarktkette unterhielten. Es ging um irgendein supertolles Angebot, doch ganz offensichtlich war es nicht der günstige Preis, der die Amerikaner in Erstaunen versetzte, sondern der angepriesene Artikel selbst. W. stellte die Lauscher auf und verstand irgendetwas mit "bag". Er konnte sich zunächst noch keinen Reim drauf machen und aß daher sein gar köstliches Mensa-Menü in Ruhe zu Ende.

Als W. anderntags zum Einkaufen ging, prallte er im Supermarkt gegen eine Werbetafel, auf der "body bags" angeboten wurden. Tatsächlich handelte es sich dabei um mehr oder weniger modische Rucksäcke. W. blieb nachdenklich vor dem Angebot stehen und kramte in seiner Erinnerung: "Hmm... body bags? Da war doch was!" Kein Zweifel, W. hatte den Begriff schon mal gehört, aber in einem anderen Zusammenhang. Und dann fiel es ihm wieder ein: Ein Kinofilm war's. Einer über den Vietnam-Krieg. Mit viel Blut und vielen Toten. Eine ungute Ahnung beschlich ihn. Sowie er zurück in seiner Wohnung war, griff er nach dem Englisch-Wörterbuch und schlug nach. Und da stand es, Schwarz auf Weiß: "body bag" bedeutet Leichensack! Nun verstand W., was die Gemüter der amerikanischen Austauschstudenten so erregt hatte: Leichensäcke im Supermarkt. Und dann auch noch im Angebot!

Das versteht der Rest der Welt unter Body Bags
Das versteht der Rest der Welt unter Body Bags
Wer sich die Mühe macht und ein bisschen recherchiert, der wird feststellen, dass es in deutschen Verkaufsangeboten von Leichensäcken nur so wimmelt. Allein bei eBay finden sich Dutzende von "body bags", in allen Größen und Farben. Die Interpretation, was genau ein solcher sei, geht da von Bauchtäschchen über Umhängetasche bis hin zum Tornister.

Auf internationalen Flügen der Lufthansa soll es schon vorgekommen sein, dass das Bordpersonal den Reisenden "body bags" zum Verkauf angeboten hat. Gemeint waren damit diese praktischen Sets mit Augenklappen, Pantoffeln und Ohrstöpseln. Über dadurch ausgelöste Fälle von Massenhysterie oder gehäufter Ohnmacht unter den englischsprachigen Passagieren ist zum Glück bislang nichts bekannt.

Meistens soll "body bag" wohl aber nichts anderes als Rucksack bedeuten. Das Wort Rucksack scheint jedoch völlig aus der Mode gekommen zu sein. Vermutlich klingt es zu deutsch, zu sehr nach Bergwandern, nach Matterhorn und Kuhglockengeläut. Das schreckt die Jugend ab, die schließlich Englisch gewöhnt ist, auch wenn sie es gar nicht immer versteht. Fazit: Kein Verkaufsschlager ohne englisches Etikett (cooler: Label). Aber wenn "body bag" nun gar nicht das bedeutet, was die Anbieter meinen, was heißt "Rucksack" dann tatsächlich auf Englisch? Machen wir rasch die Gegenprobe im Englisch-Wörterbuch. Da steht zum einen backpack, als Bezeichnung für die großen Wanderrucksäcke, aber noch davor, gleich an erster Stelle, steht zu lesen, man glaubt es kaum: rucksack.

So weit ist es also schon gekommen, dass deutsche Werbemacher und Marketingstrategen sich neue englische Begriffe ausdenken müssen, weil das eigentliche englische Wort zu deutsch klingt. Haben Sie noch keinen lawn shaver oder outdoor roast? Dann aber nix wie los!


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