Haxenbrei mit deutschem Einerlei

von Frank Patalong

Er ist ein "frustrierter Scherzkeks" und will seinen Namen nicht verraten. Kein Wunder: Der Gute hat sich einen nicht gekennzeichneten Scherz erlaubt. "Rettet Paulchen" hieß seine Website, auf der er seine Besucher erpresste: Entweder ihr spendet, oder ich esse mein Kaninchen! Sofort begann die Volksseele zu kochen.


"SCHERZSEITE!" steht da in dicken, roten Buchstaben über der Seite, "NICHT ERNST NEHMEN!!!" Und dann kleiner, in Klammern: "Schade, dass man das doch tatsächlich in aller Deutlichkeit sagen muss..." Muss man, aber das hätte sich der Verfasser des anstößigen Web-Angebotes früher überlegen sollen: Das Internet ist ein Panoptikum, ein durch und durch seltsamer Ort, wo man nie weiß, was ernst genommen wird und was nicht. Jetzt ist es zu spät, jetzt weiß die Polizei Bescheid, jetzt liegt schon mindestens eine Anzeige vor, jetzt wird er gehasst, beschimpft, bedroht - und nur, weil er nicht weiß, wie hier zu Lande der Hase läuft. Völlig unsensibel mitten hinein in den Beginn der Zeit der Wärme und Nächstenliebe veröffentlichte der frustrierte Scherzkeks eine Webseite, die dazu gemacht war, die Volksseele zum Kochen zu bringen:

Reich durch geretteten Rammler?

Die Kapitulation des Scherzkekses vor dem kochenden 
                     Volkszorn: Der Rest eines unüberlegten Web-Gags
Die Kapitulation des Scherzkekses vor dem kochenden Volkszorn: Der Rest eines unüberlegten Web-Gags  
Paulchen, stand da Schwarz auf Blau, sei ein süßes kleines Karnickel, und das werde der Verfasser der Webseite "zu Sylvester (sic!) fressen, wenn bis zum 31.12.2003 mein Konto nicht mindestens ein Guthaben von 1.000.000 Euro aufweist!" Eiskalt setzt er am Ende der Leserschaft die Pistole auf die Brust: "Ihr könnt Paulchen retten!!!" Es folgt eine schöne Abbildung von Kaninchen mit Pfifferlingen ("hmmm, leckor...") und eine Kontonummer. Das alles, beteuert der orthografisch herausgeforderte Scherzkeks nun, sei ein Witz gewesen. Nicht echt, nur Spaß, noch nicht einmal ein Karnickel nenne er sein Eigen. Und das gespendete Geld werde ins Leere laufen, weil das angegebene Konto erfunden sei. Da würden die Überweisungen dann binnen Tagen wieder auf dem Konto erscheinen. Entwarnung! War nichts, war nur Humor: Warum merkt das denn keiner? Selbst Schuld. Nur, weil sich bei eBay erst sechs Mädels für viel Geld als Partyzubehör versteigern, was später ganze Horden zunehmend geschmacklos nachahmen, leben wir noch lange nicht in einer Spaßgesellschaft. Denn es gibt immer einen Punkt, an dem der Spaß aufhört: Beim kuschligen, putzigen Tierchen.

Mehr Rammler-Rächer als Retter

Die isst man zwar als diskret vorgetötetes Filet, hygienisch abgepackt und beim freundlichen Metzger des Vertrauens erstanden, sonst aber nicht. Wobei "man" nur den Teil der Wohnbevölkerung umfasst, der sich im Gästebuch der Paulchen-Seite nur Stunden nach ihrer Veröffentlichung auszulassen begann. "ICH BITTE EUCH", drängte da der freundlich-warmherzige Teil der betroffenen Leser, "RETTET PAUL, DER SIEHT DOCH SO SÜß AUS!". "Absolut asoziale Aktion", merkte der etwas engagiertere Teil an, "Ich hoffe, Du erstickst an dem Vieh!"

Gute Deutsche schlachten keine Karnickel

"Solche Leute wie dich", fand dagegen ein Freund deutlicherer Worte, "sollte man schlachten!" Manche empfehlen dem Möchtegern-Hasenschlachter, es doch einmal mit Arbeit zu versuchen: "DU BIST SICHER EIN JUGO, DER NULL HIRN HAT!!!!!!!!!! DU ARSCH!!!!!!!" Mit eiskalter Verachtung straft den frustrierten Scherzkeks schließlich einer, indem er die ultimative Abwertung serviert: "Und sowas nennt sich Deutscher!" Um der Sache den offenbar nötigen Nachdruck zu verleihen, fügt er hinzu: "BRENNEN SOLLST DU! Pass auf sonst komm ich gleich bei dir vorbei ... und schlitz dich auf." Im Nu wird aus dem Gag, über dessen Güte man streiten kann, ein Spiegel der Netzwelt. Wüsteste Beschimpfungen stehen Statements gegenüber, die die Humorlosigkeit der deutschen Volksseele beklagen. Die Kunde von der seltsamen Webseite macht in nur zwei Tagen die Runde durchs Web und lenkt mehr als 30.000 Surfer zu Paulchen, dem imaginären Geisel-Hasen, und seinem vermeintlich gewissenlosen, hungrigen Herrchen. Nach knapp zweieinhalb Tagen dann wird es richtig ernst. Die bis dahin nicht genügend ernst genommene Fraktion der nüchtern schreibenden Doktortitel-Träger, die sich in diesem Fall nicht auf die Geißelung zahlreicher Tippfehler auf der Webseite und im Gästebuch beschränkt, macht Nägel mit Köpfen: Die mehrfach angedrohte Anzeige wegen Erpressung oder Nötigung (alternativ: wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz) geht angeblich bei der Polizei ein. Der Scherzkeks "entschärft" seine Seite und versieht sie mit deutlichen Humor-Warnkennzeichnungen, statt seinerseits die Schreiber im Gästebuch zu verklagen.

Dörfler dengeln und helfen aus dem Pelz

Enttäuscht davon sind nur die Durchblicker, die alles von Anfang an als Witz erkannten. Einer analysiert die Situation folgendermaßen: "Mann, hier schreiben echt nen Haufen rotzevoller oder granatenmäßig hohler Leute rein. Wie unterbelichtet muss man denn sein um zu glauben dass der Ersteller dieser Seite glaubt, jemand würde ihm die Geschichte abnehmen?" Gute Frage, nächste Frage. Die Ebene des gesunden Menschenverstandes bringt am Ende der Diskussion endlich der Teil der Bevölkerung ein, der in Sachen Karnickel noch über praktische Erfahrungen verfügt: die bekennende Dorfjugend. Darunter finden sich seit Veröffentlichung der Webseite zahlreiche potenzielle Mitesser. "Bei uns uffem Dorf", schreibt einer zwar treffend, aber unsensibel, "hat jeder zweite Hasen und jeden dritten Tag gibts frische Has! Und Ihr regt Euch über diese Seite auf, fresst aber ne halbe Stunde später ein fettes Schnitzel von einem Schwein, dass erst 45 Stunden im LKW ohne Fressen und Saufen nach Portugal gekarrt wird, um dort geschlachtet zu werden, damit es 2 Tage später frisch bei Eurem Metzger in der Theke liegen kann!"

Das Ende einer schönen Realsatire

Ja, so kann man das sehen. An diesem Punkt der Diskussion lernt auch die dem Produktionsprozess weitgehend entfremdete Stadtjugend noch was. Zum Beispiel, dass man auf dem Dorf nicht "Hasen schlachten" sagt: "Bei uns sagt man dengeln dazu, man nimmt einen Holzbengel und schlägt dem Hasen eine ins Genick". Anschließend komme das Ausbluten, Ausweiden und "aus dem Pelz helfen". Den Rekord hält da derzeit der "Pöff", der für einen Rammler nur 48 Sekunden brauche. Schöner Beitrag, und schon geht die Party wieder ab: Mit Beschimpfungen, Morddrohungen und - überhaupt das Schlimmste - der mehrfach wiederholten Ankündigung, die ganze Sache an Greenpeace zu melden. Was dann passieren soll, ist allerdings nicht ganz klar. Vielleicht ein ganz großes Plakat vom Dachfirst bis zum Keller des Hauses des Übeltäters: "Ich wäre ein Hasenmörder, wenn ich einen hätte"?


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